"Die Krise als Freund"
Artikel aus der Zeitschrift evolve Jan. 2016
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Artikel "Mit der Krise Freundschaft schließen" aus der OYA 24

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Dieser Artikel erschien in der OSHO TIMES 11/14  www.oshotimes.de

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Dieser Artikel, geschrieben von Petra Mecklenburg

www.wahrhaftig-kommunizieren.de

 

erschienen in der Zeitschrift "Connection"

www.connection.de

 

Ausgabe Mai/Juni '12 

 

 

 

Krisenfreundschaften

 

Krise = Chance

 

„JA - unbedingt!“

 

„Aber wie kann ich mitten im Ansturm der Alltagsanforderungen der Krise den Raum geben den es braucht, damit die Chance ihr volles Potential auch wirklich entfalten kann?“ Das hab ich mich immer wieder gefragt, wenn ich mitten in einem akuten inneren Transformationsprozess mit den Alltagsanforderungen jonglieren musste - oder sie mit mir - und mich von mir selbst entfremdet fühlte, weil das innere Geschehen dabei immer wieder in den Hintergrund gedrängt wurde. „Wo gibt es Räume, jenseits von therapeutischen Einrichtungen, um sich während einer Lebenskrise aus dem Alltag zurückzuziehen und mit diesem Transformationsprozess selbstverantwortlich unter Menschen zu sein? Ohne irgendwo Mitglied werden zu müssen oder fest einzuziehen. Räume, wo jede, die dort ist, weiß, wie es ist, mit einer spirituellen Öffnung zu sein, ohne sie zu verdrängen, und auch den Krisen der anderen entsprechend begegnen kann. Räume, wo sich Mitbewohner in ihren Prozessen teilweise spontan gegenseitig unterstützen können, anstatt dass jede professionelle Hilfe sucht. Räume, wo solche Krisen ganz unspektakulär willkommen sind als Teil des Lebens und als Wandlungsphasen?“

 

Als ich im letzten Sommer durch einen dieser Un-zu-fälle, die sich für mich immer wie eine verheißungsvolle heiße Spur anfühlen, von einem neuen Projekt namens Krisenfreunde erfuhr, war ich gleich aufgestöbert und mir schien, als sei die Lücke, die ich oben beschrieben habe, dabei sich zu schließen. Das galt es aber dann natürlich durch Hinfahren herauszufinden. Was ich bei meinen bisher zwei Besuchen bei den Krisenfreunden gefunden habe, will ich hier berichten.

 

Die Krisenfreunde sind eine Mitwohngemeinschaft in der Nähe von Celle (genauer: von Hermannsburg), wo Menschen eigenverantwortlich SEIN können, wenn sie in einer spirituellen Krise sind. Um die Seele baumeln zu lassen, zu sich zu kommen, in einem Raum, wo Krise Vorrang hat solange sie dauert, ganz unspektakulär, und fast wie nebenbei Heilung zu finden. Für eine Woche oder länger.

 

Der Ort ist malerisch und lädt zum Verweilen ein. Ein weitläufiges zweigeschossiges Gutshaus unter Bäumen, mit einem Bach neben dem Haus und einer kleinen Badestelle am vorbeifließenden Flüsschen, direkt vor dem Haus. Im Sommer kann man hier mit nackten Füßen im Bach plantschen und im Fluss baden. Seele baumeln lassen pur.

 

Dann gibt es abseits vom Haus noch das Refugium, ein kleines altes Holzhaus unweit des Haupthauses, das Esther mit viel Liebe zu einer Bleibe für Menschen hergerichtet hat, die gern für sich sein wollen.

 

Bis vor kurzem haben im Gutshaus kontemplative Mönche gelebt, die Kleinen Brüder vom Kreuz. Die Stille, die sie in ihrem Alltag gelebt haben, lebt noch jetzt in jedem Winkel und erfüllt diesen Ort mit einem anderen Trommelschlag, den ich aus dem Alltag sonst nicht kenne.

 

Die riesige Wohnküche, in die Besucher als erstes kommen, mit ihrem großen ovalen Tisch in der Mitte lädt zum Ankommen ein. Dieser Tisch – für mich ein weibliches Wesen - ist das Herzstück der großen Wohnküche. Früher oder später lockt es jeden, der einigermaßen sinnlich veranlagt ist, mit den Händen über die polierte Tischplatte zu streichen, die seit Jahrzehnten, schon als die Mönche hier noch lebten, Zeugin unzähliger gemeinsamer schweigender Mahlzeiten oder Tischgespräche war.

 

Während ich an meinem ersten Mittag hier am Tisch sitze, erfüllt die Stille den ganzen Raum und hüllt mich ein, auch während gesprochen wird. Ein wunderbarer Ort, an dem ich mich geborgen fühle und einfach bleiben möchte.

 

Bisher leben wenige Menschen fest hier: Ingrid Weber und Stephan Schwartz, das Gründerpaar, und eine Handvoll fester oder Langzeit-Mitbewohner – alles in allem zur Zeit ein Stamm von 6 Bewohnern mit wechselnden Anzahlen von „Krisengästen“ oder Freunden zu Besuch.

 

Der Hof liegt inmitten einer kleinen Ansammlung von insgesamt fünf Höfen, die alle bewohnt sind, und die Nachbarschaft mit den vier umliegenden Häusern ist wohlwollend, bereichernd und freundschaftlich.

 

Ingrid und Stephan mag ich gleich, als ich mir die Webseite zum ersten Mal anschaue und die Fotos sehe. Ingrid ist seit vier Jahren im Kundalini-Prozess und mit körperlich existenziellen Erfahrungen beschäftigt. Das zieht mich sehr an, in den Körper kommen ist gerade mein Thema und existenzielle Erfahrungen immer.

 

Das Konzept begeistert mich, weil es so viel Spielraum lässt: Spielraum, Gemeinschaftsmitglied zu werden, Spielraum, als "Krisengast" zu kommen und auch mal Spielraum, dort für eine Zeitlang mit zu leben und/oder mitzuarbeiten. Die Vision für dieses Projekt stammt von Ingrid, die an irgendeinem Punkt ihres eigenen Prozesses plötzlich einen Ort wie diesen sah und gleich wusste: Das ist jetzt dran, das will von mir und Stephan ins Leben gerufen werden.

 

Nach einem langen Telefonat mit Ingrid, in dem wir beide sehr viel Wesentliches miteinander austauschen und Lust bekommen, uns zu begegnen, fahre ich dann auch bald zum ersten Mal hin.

 

Das Gutshaus zieht mich gleich in seinen Bann. Und als ich durch die Eingangsdiele die große Küche betrete, in der Thom grade für alle kocht, fühlt es sich für mich an wie Nachhause kommen.

   

Später führt mich Ingrid durchs Haus - weitläufige Zimmerfluchten, liebevoll renoviert, als Gästezimmer, in verschiedenen schönen Farben und mit schlichtem geschmackvollem Mobiliar. Eine riesige Bibliothek, ein großer Dachboden wo noch die kleine Kapelle aus Glas ist, in der die Mönche gebetet haben - mit am meisten begeistert mich das „Hammam“ - so nennen die Hausbewohner das alte Badezimmer im Erdgeschoss. Es hat eine alte gekachelte rechteckige Badewanne, die in den Boden eingelassen ist. Mindestens fünf Menschen können dort gemütlich nebeneinander sitzend ein heißes Bad nehmen – eine schon jetzt liebgewonnene Tradition.

 

Treffpunkt und zweite Herzkammer (neben der Küche) des Hauses ist der Kaminraum, die große Eingangsdiele des früheren Haupteingangs. Hier begegnen sich, vor allem abends, diejenigen Hausbewohner, die Lust auf Gesellschaft haben. Hier gibt es keinen Fernseher und kein Radio, nur das, was die Menschen, die grade hier versammelt sind, einbringen. Hier wird gekuschelt, geruht, geschwiegen, gelesen, gebalgt, vorgelesen, prozessiert ...

 

Die saubere schlichte und geschmackvolle Schönheit in allen renovierten Teilen des Hauses mag ich sehr. Die Renovierungen sind noch nicht abgeschlossen, gehen mit Muße vonstatten und sollen das auch. Ingrid und Stephan ist es wichtig, dass Renovieren oder sonstige Arbeiten nicht den Tag auffressen, sondern eine Ergänzung zum Miteinander oder zum Alleinsein sind. Auch ist nicht immer gleich genügend Geld vorhanden, um den nächsten Abschnitt anzugehen.

 

Im Augenblick decken die Beiträge der Gäste noch nicht die laufenden Lebenshaltungskosten, Stefans Einkommen reicht für die Miete. Die Zielvision ist, dass sich das Projekt selbst trägt, dass alle Überschüsse dafür verwendet werden, Menschen in der Krise, die wenig Geld haben, das Bleiben zu ermöglichen, so dass kein Gewinn angesammelt wird.

 

Die Kosten für Menschen in der Krise sollen möglichst erschwinglich bleiben, denn gerade in Krisenzeiten klappt es ja oftmals nicht so gut mit dem Geldverdienen.

 

„Solange habe ich mir gewünscht, als Mönch zu leben,“ sagt Stephan. „Als Ingrid und ich nach einem Ort für Ingrids Vision Ausschau hielten, hatte ich noch keine Ahnung, dass mein Traum hier in Erfüllung gehen würde, nur anders als ich gedacht habe!“

 

Ursprünglich war Ingrids Idee, einen Ort speziell für Frauen in der Krise zu schaffen. Ingrid und Stephan haben aber dann beschlossen, das Haus für Männer und Frauen in der Krise zu öffnen. In der Tat kommen überwiegend Frauen. Eine unerwartete Erfahrung, die die Bewohner bisher mit einem entscheidenden Unterschied zwischen den (bisher vergleichsweise wenigen) Männern, die dort als Krisengäste waren, und den weiblichen Krisengästen gemacht haben, bestätigt fast Ingrids Anfangsvision: Während die Frauen in der Krise dazu neigen, Kontakt zu suchen, sich auszusprechen, sich zu zeigen, vielleicht einfach mal einen ganzen Tag im Kaminzimmer zu liegen und dort zu weinen und zu kuscheln, aber eben sichtbar und ansprechbar zu sein, neigen die Männer in der Krise dazu, sich zurückzuziehen, zu verstummen, alles mit sich allein abzumachen.

 

Und das ist für dieses Projekt eine große Herausforderung, denn die Abläufe hier leben davon, dass jede(r) sich zeigt, sich mitteilt, dass die anderen immer wissen, wo ein Krisengast gerade innerlich steht, ob er oder sie wirklich allein mit sich zurechtkommt.

 

Das liegt einfach daran, dass es keine im medizinischen Sinn professionelle Betreuung gibt und keine Settings für therapeutische Interventionen im üblichen Sinn. Hier gibt es weder Therapeuten noch Klienten. Es ist ein Ort der Heilung und Heilung findet nur statt, wenn der Mensch in der Krise diese auch aus eigenem Antrieb sucht bzw. sich dafür öffnet. Zudem ist es kein Sanatorium, sondern gleichzeitig der Ort, wo die Gemeinschaftsbewohner ihr Leben leben. Es muss also im Alltagsablauf ersichtlich sein, inwieweit ein Krisengast in der Lage ist, in diesem Raum des Getragen werden für sich zu sorgen, und es ist wichtig, dass auch die Krisengäste die Verantwortung für ihr eigenes Leben und ihre Heilung selbst in die Hand nehmen. Wenn jemand hier in seinem Saft schmort ohne die innere Befindlichkeit mit den anderen zu teilen, ist das wie ein schwarzes Loch und eine Belastung für die anderen. Die ganze Vision lebt davon, dass jeder der kommt seine Präsenz und das Heilungspotential einbringt, das im eigenen Innern verborgen ist.

 

Was dieses Projekt heilsam macht, ist ja eben, dass hier immer Raum ist, Krisen und Störungen anzuschauen, offen da sein zu lassen (was ja im Alltag für die meisten Menschen nicht möglich ist) und dadurch heilen zu lassen. Es ist ein Ort, wo alle die kommen auf gleicher Augenhöhe sind, auch wenn es zeitweise mal so ist, dass einer von den anderen aufgefangen wird.

 

Über dem Herd hängt ein Schild, auf dem als Collage „Krisenherd“ geschrieben ist. Nichts bleibt unterm Teppich gekehrt. Im täglichen Sharing (in der Art, wie es bei Thomas Hübel praktiziert wird) gibt es die Einladung und Gelegenheit, Unausgesprochenes, Schwelendes, Bedrängendes oder Beglückendes einfach mitzuteilen.

 

Durch Ingrids praktische Erfahrung mit ihrem eigenen Prozess, durch das, was andere Bewohner an eigener Erfahrung mitbringen, entwickeln sich immer wieder Verabredungen für Heilsitzungen, die teilweise ausgetauscht werden. Ingrids Präsenz ist still und zurückhaltend und gleichzeitig lenkend und alles aufs Wesentliche bringend. Keine Schnörkel, kein Rausch - schlicht, klar, gesammelt, keine Tiefe und Untiefe auslassend und doch vollkommen unspektakulär - diese Präsenz durchzieht das ganze Projekt als Grundschwingung, vermischt sich mit der Stille, die schon da ist. Während Ingrid Tag für Tag anwesend ist, fährt Stephan oft hinaus in die Welt, erledigt Jobs in Hamburg, kauft ein ... die freundschaftliche und liebevolle Art, wie sich die beiden die Aufgaben teilen, die zu erledigen sind, jenseits von Konkurrenz, Reibung oder Krampf, macht auch einen wesentlichen Aspekt der Stimmung hier aus.

 

Dieses Zusammenspiel ist eben das, was dieses Projekt so einzigartig macht - da sind keine Therapeuten und Klienten, obwohl dort immer Raum für Heilung ist. Der ganze Tagesablauf fließt ganz unspektakulär und unauffällig dahin und alles fügt sich wie von selbst ineinander. Ingrid und Stephan, auch in Abstimmung mit den Mitbewohnern, sind ein gut eingespieltes Team wenn es darum geht, zu spüren, was jetzt grade dran ist, ob es vielleicht grad wichtig ist, das Sharing zu verschieben oder die Zeit fürs gemeinsame Mittagessen zu ändern.

 

Jeden Tag werden auf der Tafel in der Küche die jeweiligen Zeiten für diesen Tag verkündet, und es ist ratsam, zwischendurch mal auf die Tafel zu schauen, ob es eine Änderung gegeben hat.

 

Für alle, die fließende Strukturen mögen, (ich liebe das sehr) ist es eine wunderbare Mischung. Das Mittagessen wird irgend zwischen eins und drei gemeinsam eingenommen, zum Frühstück treffen sich meist alle, aber ohne Verabredung, und Abendessen macht sich jede wie sie will, aber auch dort finden Begegnungen statt. Ein anderer Aspekt dessen, was für mich die besondere Magie dieses Ortes ausmacht, ist dieses unspektakuläre Geflecht und Gemisch aus Begegnungen, die wie absichtslos heilsam wirken, ohne verabredet zu sein. Ja und manchmal entstehen daraus bleibenden „Krisenfreundschaften“.

 

Diese ganz spezielle Qualität ist das, was den Aufenthalt bei den Krisenfreunden im wahrsten Sinn des Wortes unbezahlbar macht.

 

Eine weitere sehr angenehme Eigenart des Projekts der Raum, den hier das Essen einnimmt. Mag sein dass es daran liegt, dass die Küche hier der zentrale Ort ist, in den jede zuerst kommt. Die Mittagsmahlzeiten, von wechselnden Bewohnern oder Gästen zubereitet, sind wirklich köstlich und absolut vielfältig. Und immer wieder werden Rezepte ausgetauscht, neue Variationen ausprobiert - auch hier findet sich die alles durchziehende Lust am Austauschen und Spielen, die dem Projekt diesen besonderen Anstrich gibt.

 

Alles hier erscheint mühelos, und alles wird getan, weil es in Freude und ohne Stress getan wird: Heilen, Nähren, Hausarbeit, Gartenarbeit - ich hab kaum jemals Geschäftigkeit erlebt, stattdessen gesammeltes meditatives Tun. Total schön. Dabei ist es ein riesiges Haus, und ich staune immer wieder, wie sauber alles ist, obwohl ich selten jemanden sauber machen sehe.

 

Gibt es Krisenfreunde ohne Schattenseiten?

 

Nein. Einmal sind die Krisenfreunde ja schon per Definitionem ein Ort, an dem Krisen Teil des Alltags sind. Gleichzeitig sind diese Krisen und Schattenseiten nichts, was hier störend und hemmend schwelt. Ebenso wie man ein gutes Management nicht daran erkennt, dass es keine Krisen gibt, sondern daran, wie schöpferisch und fruchtbar mit Krisen umgegangen wird, verlieren auch hier Krisen und Schattenseiten die Schrecken, die sie oft im Alltag haben, weil es ja hier letztlich um nichts anderes geht, als mit ihnen so zu leben, dass sie sich in Schätze verwandeln können.

 

Eine Schattenseite ist allerdings sehr wörtlich zu nehmen: Für Sonnenhungrige kann dieser Ort im Sommer bei herrlichstem Sonnenschein eine ganz schöne Herausforderung sein, denn es gibt wegen der hohen Bäume in der Nähe des Hauses dann nur wenige Flecken im oder direkt am Haus, wo Sonne hingelangt. Da bleibt für Sonnenhungrige nur flexibel bleiben und mit wandern oder gleich an die Badestelle am Fluss gehen – für die, die Zeit und Muße haben, dort einfach zu bleiben, ein wunderbares Trostpflaster!

 

 

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