Christina und Stanislav Grof:

„Die stürmische Suche nach dem Selbst“ 

Der englische Titel enthält zusätzlich die Zeile: „Ein Führer für das persönliche Wachstum in einer transformativen Krise“, welche den Inhalt des Buches etwas deutlicher wiedergibt.

Obwohl schon 1990 erschienen, ist es für mich bis heute so etwas wie ein Standardwerk zum Thema „spirituelle Krise“

Da es leider nur noch in wenigen Exemplaren antiquarisch erhältlich ist, habe ich hier einige der wichtigsten Passagen zusammengestellt.


Einführung ( im Buch aus dem 8. Kapitel )

Stellen sie sich vor, es sei ein ganz normaler Tag, und sie sind auf dem Weg zur Arbeit. Sie haben eine unruhige Nacht hinter sich, wurden von lebhaften Träumen unter Beschuss genommen, in denen sie im Sterben lagen. Sie haben stechenden Schmerz und überwältigende Angst gespürt. An diesem Frühlingstag werden sie auf ihrer Fahrt weiter von den körperlichen Leiden und den schmerzlichen Emotionen aus dem Traum verfolgt. Ihr Wachzustand scheint einfach eine Fortsetzung der nächtlichen Aktivität zu sein; es fällt ihnen schwer, die beiden auseinanderzuhalten. Außerdem haben merkwürdige Körpergefühle sie irritiert; wenn sie ruhig sind, schüttelt sich ihr Körper manchmal ganz automatisch, und sie spüren irgendeine Art von Strom durch ihre Glieder fließen. Zuweilen liegt ein Druck auf der Brust, und sie haben neuerdings häufig lähmende Kopfschmerzen. Sie sind gelegentlich gehetzt und ängstlich, auch wenn es von außen so aussieht, als hätten sie alles gut im Griff. Sie fühlen sich so, als ob sie ein Doppelleben führen würden: die trügerische Fassade von Normalität und Fröhlichkeit, die sie der Welt zeigen, und eine geheime, verwirrte Realität, über die sie schwer sprechen können. Sie beginnen sich von sozialen Aktivitäten zurückzuziehen, da sie nie wissen, wann diese merkwürdigen Erfahrungen wieder zuschlagen werden.

So sieht es aus, wenn man mitten in einer spirituellen Krise steckt und dennoch versucht, im gewöhnlichen Leben normal weiter zu machen. So fühlt es sich an, wenn man in zwei Welten zu leben versucht. Eine Welt ist die gewohnte, alltägliche Wirklichkeit, in der man gewisse Erfahrungen zu machen hat, Rollen zu spielen und Verpflichtungen nachzukommen hat. Die andere ist der Bereich unter der Alltagsschicht, der riesige Teich des Unbewussten, der unbekannte Möglichkeiten enthält. Wenn das innere Reich immer zugänglicher wird, dringt es in die gewöhnliche Bewusstheit ein, und die Trennung zwischen den beiden Gebieten beginnt sich aufzulösen.

Die Grauzone ist es, die dem Individuum in einer transformativen Krise Schwierigkeiten macht. Sie sind weder hier noch dort, weder in der äußeren Realität noch in den inneren Reichen wirklich präsent, und die daraus entstehende Spannung kann großes Unbehagen auslösen. 

Wenn sie sich mit dem Menschen in obigem Beispiel identifizieren können, werden sie vielleicht entdecken, dass ihr intensiver Prozess desorganisierende Auswirkungen auf ihr Funktionieren im Alltag hat und dass ihre Sorge um ihre Effektivität in der Welt die Angst verstärkt, die als Teil des spirituellen Prozesses ohnehin bereits sehr stark im Vordergrund steht.

Trotz der Tatsache, dass die schiere Existenz während dieser Zeit eine beachtliche Herausforderung sein kann, die viel Zeit und Energie beansprucht, können sie im Alltag angenehmer leben, wenn sie mit dem Heilungsprozess kooperieren und aktiv mitarbeiten. Ihre Einstellung zu einem solchen Ereignis ist von kritischer Bedeutung: Solange sie sich von Angst, Widerstand, Unglauben oder Verleugnung einschränken lassen, kann eine Gelegenheit, die ihr Leben verändern könnte, stark gehemmt oder sogar verhindert werden.

Nach unserer Erfahrung wird ein solcher Prozess, wenn er erst einmal in Bewegung gekommen ist, nicht aufhören, bis er sein natürliches Ende erreicht hat. Die intensive Periode des Erwachens kann einige Zeit dauern, manchmal ein paar Monate, manchmal einige Jahre. Es mag Zeiten geben, in denen der transformative Prozess offensichtlicher und belastender ist, aber im allgemeinen ist er beständig, bis er sein Ende erreicht. Ängstlich auf ihn zuzugehen oder zu versuchen, ihn vorzeitig zu unterbinden, ist kontraproduktiv. Sie werden vermutlich feststellen, dass eine widerstrebende Einstellung diesen natürlichen Prozess schwieriger macht.

Menschen in spirituellen Krisen wissen oft intuitiv, was für sie richtig ist, haben aber Schwierigkeiten, diese Einsichten in die Tat umzusetzen. Für uns hat es sich als sinnvoll erwiesen, eine Situation zu schaffen, in der Sie sich den inneren Erfahrungen, die an die Oberfläche wollen, ganz stellen und somit durch sie hindurch gehen und aus ihnen  lernen können. ( aus dieser Erkenntnis ist das Projekt Krisenfreunde entstanden. Siehe auch Ingrid’s Erfahrungsbericht auf unserer Homepage )


1. Spirituelle Krise - was ist das?


Spirituelle Entwicklung ist eine angeborene evolutionäre Fähigkeit jedes Menschen. Sie ist eine Bewegung in Richtung auf Ganzheit, das Entdecken des wahren eigenen Potentials. Und sie ist ebenso gewöhnlich und natürlich wie Geburt, physisches Wachstum und Tod - ein integraler Bestandteil unserer Existenz. Viele Jahrhunderte lang haben ganze Kulturkreise die innere Transformation als einen notwendigen und wünschenswerten Aspekt des Lebens betrachtet. Viele Gesellschaften haben anspruchsvolle Rituale und meditative Praktiken für die Förderung und Unterstützung spirituellen Wachstums entwickelt. Die Menschheit hat den Schatz der Gefühle, Visionen und Einsichten, die mit dem Prozess des Erwachens einhergehen, in Bildern,Gedichten, Romanen, Musik und den Beschreibungen von Mystikern und Propheten bewahrt. Einige der schönsten und meist geschätzten Beiträge im Bereich von Kunst und Architektur huldigen den mystischen Reichen.

Für manche Menschen jedoch wird die transformative Reise der spirituellen Entwicklung zu einem ‚spirituellen Notfall‘, zu einer Krise, bei der die Veränderungen so schnell und die inneren Zustände so beanspruchend werden, dass es ihnen vorübergehend schwerfällt, in der Alltagsrealität zurechtzukommen. Heutzutage werden diese Menschen selten so behandelt, als ob sie am Rande inneren Wachstums stünden. Statt dessen betrachtet man sie meist unter dem Blickwinkel von Krankheit und wendet Techniken an, die die potentiellen Vorteile überdecken, die diese Erfahrungen zu bieten haben.

In einer unterstützenden Umgebung und richtig verstanden können diese schwierigen Geisteszustände extrem zuträglich sein. 


Zu allen Zeiten gab es Kulturen, in denen Menschen in intensiven spirituellen Krisen als gesegnet galten; man meinte, sie stünden in direkter Kommunikation mit den heiligen Reichen und göttlichen Wesen. Ihre Gesellschaften unterstützten sie während dieser entscheidenden Episoden, boten ihnen Schutz und befreiten sie von den üblichen Anforderungen. Angesehene Mitglieder dieser Gemeinschaften hatten selbst Krisen durchlebt und konnten einen ähnlichen Prozeß bei anderen erkennen und verstehen. 

Der Beginn der modernen Wissenschaft und des Industrie-Zeitalters führte zu einer drastischen Änderung dieser toleranten und sogar unterstützenden Haltung. Spiritualität in jeder Form wurde aus der modernen wissenschaftlichen Weltsicht verbannt. Folglich werden viele Leute mit emotionalen oder psychosomatischen Symptomen automatisch so eingestuft, als hätten sie ein medizinisches Problem. Ihre Schwierigkeiten werden als Krankheit unbekannten Ursprungs bezeichnet, obwohl klinische und Labortests keinerlei unterstützende Beweise für diesen Ansatz liefern können. Die meisten außergewöhnlichen Bewußtseinszustände werden als pathologisch betrachtet und mit traditionellen psychiatrischen Methoden wie unterdrückender Medikation und Hospitalisierung behandelt. Als Ergebnis dieser Voreingenommenheit werden viele Menschen, die sich in dem natürlichen Heilungsprozess des spirituellen Erwachens befinden, automatisch in dieselbe Kategorie gesteckt wie die mit einer wirklichen Geisteskrankheit. So wurde oft ein Prozess, der ursprünglich heilend und transformierend begonnen hatte, durch psychiatrische Interventionen unterbrochen oder sogar schwieriger gemacht.

Wir möchten betonen, dass es wirkliche Geisteskrankheiten gibt und dass sie psychiatrische Betreuung und Behandlung erfordern. Wir glauben zwar fest daran, dass einige von den Menschen, die als psychotisch abgestempelt werden, in Wirklichkeit schwierige Stadien der spirituellen Öffnung durchlaufen, wollen damit aber keinesfalls sagen, es handle sich bei allen Psychosen um transformative Krisen.


Wie unterscheidet man zwischen spirituellen Krisen und Psychosen?

Das erste wichtige Kriterium ist, daß kein mit den vorhandenen diagnostischen Werkzeugen zu ermittelnder medizinischer Befund vorliegt. Ein weiteres bedeutendes Kennzeichen ist die Fähigkeit, in beachtlichem Maße zwischen inneren Erfahrungen und der Welt der mit anderen geteilten Realität zu unterscheiden. Menschen, die in eine spirituelle Krise geraten, sind sich üblicherweise der Tatsache bewusst, dass die Veränderungen in ihrer Erfahrungswelt ihren eigenen inneren Prozessen zuzuschreiben und nicht von den Ereignissen in der äußeren Welt verursacht sind.


2. Die dunkle Nacht der Seele


Zu den alarmierendsten und beunruhigendsten Dingen, mit denen Menschen in spirituellen Krisen häufig konfrontiert werden, zählen das Gefühl von Einsamkeit, Erfahrungen von Wahnsinn und die Gedanken an den Tod. Solche Geisteszustände sind zwar intrinsische, notwendige und zentrale Teile des Heilungsprozesses, aber sie können erschreckend und übermächtig werden, besonders wenn es an menschlicher Unterstützung mangelt. Für jemanden in einer spirituellen Krise, sei sie nun eher subtil oder echt dramatisch, kann die Aufgabe, über den Tag zu kommen, die normalen Funktionen aufrecht zu erhalten, schon zu einer beachtlichen Herausforderung werden. Die normalen, scheinbar so einfachen Handlungen, die Teil des täglichen Lebens sind, werden plötzlich als mühselig oder überwältigend empfunden. Menschen in der Krise werden oft von inneren Erfahrungen überflutet, die so voller Gefühl, visueller Kraft und energetischer Macht sind, dass es schwierig wird, diese lebhafte innere Welt von Vorfällen in der äußeren Welt zu trennen. Dann sind die Betroffenen vielleicht frustriert, weil es ihnen schwerfällt, den Bogen ihrer Aufmerksamkeit gespannt zu halten. Oder die schnellen und häufigen Wechsel ihrer Geistesverfassung versetzen sie in Panik. Da sie unfähig sind, in der gewohnten Weise zu handeln, fühlen sie sich vielleicht machtlos, ineffektiv und schuldig.


Sich der Angst stellen

Angst geht in irgendeiner Form mit fast jeder spirituellen Krise einher, sei es als schwache Sorge bei dem Gedanken an die kommenden Ereignisse des Tages oder als riesige, unbezogene Furcht, die keine Verbindung zu vertrauten Aspekten des eigenen Lebens zu haben scheint. Ein wenig Ängstlichkeit scheint in dieser Situation angemessen: Nicht nur brechen viele der vertrauten Glaubenssysteme zusammen, der Mensch ist auch äußerst emotional geworden. Der Körper fühlt sich an, als würde er auseinanderfallen, es gibt neuen physischen Stress und lästige Schmerzen. Ein Großteil der Angst scheint jedoch vollkommen unlogisch, gerade so, als hätte sie gar nichts mit einem zu tun. Bei manchen Gelegenheiten kann der Mensch in der Krise relativ einfach mit verschiedenen Ängsten umgehen, ein andermal scheint dieses Gefühl sich zu schier unkontrollierbarer Panik auszuwachsen.


Formen der Angst

Bei einigen Formen von spirituellen Krisen lassen sich körperliche Empfindungen oder Reaktionen als Angst interpretieren. Man kann sich von merkwürdigen oder zuweilen überwältigenden Ausbrüchen von Energie verzehrt fühlen oder spüren, wie elektrische Ladungen, unkontrollierbares Zittern oder eine unbekannte Kraft durch die inneren Systeme strömen. Herzschlag und Körpertemperatur können steigen. Warum geschieht das? Diese Manifestationen sind häufig eine natürliche physiologische Begleitung der abrupten Veränderungen im Bewußtsein. Es kann sich dabei auch um spezifische Merkmale einer bestimmten Form der spirituellen Krise handeln, wie um das Erwachen der Kundalini. Menschen, die auf diese Phänomene nicht vorbereitet oder mit ihnen nicht vertraut sind, können sehr bestürzt sein, wenn sie plötzlich Teil ihres Alltags werden. Da sie bei den Körpersensationen an eine bestimmte Norm gewöhnt sind, spüren sie beim Eintreten dieser fremden, neuen Gefühle Unruhe und halten sie irrtümlich selbst schon für Angst.


Einsamkeit und Isolation

Einsamkeit ist ein weiterer Bestandteil der spirituellen Krise. Sie kann von einer verschwommenen Wahrnehmung der Getrenntheit von anderen Menschen und der Welt bis zu einem umfassenden Absturz in existentielle Entfremdung reichen. Einige der Gefühle der inneren Isolation haben mit der Tatsache zu tun, dass sich Menschen in spirituellen Krisen ungewöhnlichen Bewusstseinszuständen stellen müssen, die sie vielleicht noch nie geschildert bekommen haben und die anders sind als die alltäglichen Erfahrungen ihrer Freunde und Familien. Existentielle Einsamkeit scheint jedoch sehr wenig mit persönlichen oder äußeren Einflüssen zu tun zu haben.

Viele Menschen im Transformationsprozess fühlen sich durch die Natur ihrer Erfahrungen von anderen isoliert. Wenn die innere Welt aktiver wird, spürt man vielleicht die Notwendigkeit, sich vorübergehend von den täglichen Aktivitäten zurückzuziehen, beschäftigt sich eher mit intensiven Gedanken, Gefühlen und inneren Prozessen. Beziehungen zu anderen Leuten können an Wichtigkeit verlieren, und die Betroffenen können sich sogar von dem vertrauten Bild dessen, wer sie sind, abgeschnitten fühlen. Wenn das geschieht, kann man ein umfassendes Gefühl der Trennung von sich selbst, von anderen Menschen und von der Umgebung spüren. Wenn man in diesen Zustand kommt, ist man nicht einmal mehr für vertraute menschliche Wärme und Zuspruch zugänglich.

Dies tiefe Gefühl von Isolation scheint vielen menschlichen Wesen unabhängig von ihrer Geschichte zugänglich zu sein und stellt häufig einen zentralen Bestandteil der spirituellen Transformation dar.

Wenn jemand in diesem Stadium als Fall für die Psychiatrie eingestuft wird, unterstützen die Etiketten und Behandlungen, die ihm oder ihr dann zuteil werden, die Isolation noch mehr. Die Gefühle von Gedrängtheit werden jedesmal verstärkt, wenn die verbale oder nonverbalen Botschaft heißt: „Du bist krank. Du bist anders.“


Die Konfrontation mit dem symbolischen Tod

Die Konfrontation mit der Frage des Todes ist ein entscheidender Punkt im Transformationsprozess und integraler Bestandteil der meisten spirituellen Krisen. Sie ist oft Teil eines kraftvollen Zyklus von Tod und Wiedergeburt. Was dabei tatsächlich stirbt, sind alte Seinsweisen, die das Wachstum des Individuums behindern. Von diesem Blickwinkel aus stirbt jeder im Laufe des Lebens viele Male in irgendeiner Form. In vielen Traditionen ist diese Vorstellung vom „Sterben vor dem Sterben“ entscheidend für das spirituelle Weiterkommen. Sich mit der Tatsache des Todes als Teil der Kontinuität des Lebens abzufinden, wird als enorm befreiend betrachtet, da es die Angst vor dem Tod nimmt und für die Erfahrung der Unsterblichkeit öffnet.

Für viele Menschen, die eine spirituelle Krise erleben, kommt dieser Prozess jäh und unerwartet. Sie fühlen sich plötzlich, als würden ihnen Sicherheit und Geborgenheit entrissen und sie in eine unbekannte Richtung geschleudert. Vertraute Seinsweisen sind nicht mehr angemessen, müssen aber erst noch durch neue ersetzt werden. Ein Individuum, das in diesem Wandel gefangen ist, ist unfähig, sich an irgendwelchen bekannten Bezugspunkten im Leben festzuhalten, und fürchtet, es werde unmöglich sein, zu alten Verhaltensweisen und Interessen zurückzukehren. Man kann das Gefühl haben, alles, was man je gewesen sei oder was einem je etwas bedeutet hat, würde sterben, und der Prozess an sich sei unwiderruflich. Dann verzehrt man sich vielleicht vor Schmerz über den Tod des alten Selbst.

Der Zustand von Losgelöstheit von Rollen, Beziehungen, der Welt und sich selbst ist eine andere Form des symbolischen Todes. Er gilt in vielen spirituellen Systemen als primäres Ziel der inneren Entwicklung. Diese Losgelöstheit ist ein notwendiges Ereignis im Leben, das ganz natürlich im Moment des Todes stattfindet, zu der Zeit also, zu der jeder Mensch vollkommen versteht, dass wir unsere materiellen Besitztümer, irdischen Rollen und Beziehungen nicht in die jenseitige Welt mitnehmen können. Meditation und Formen der Selbsterforschung erlauben Suchenden, sich dieser Erfahrung bereits vor dem physischen Tod zu stellen, so dass sie das, was sie im Leben haben, in vollen Zügen genießen können.


Der Prozess des Ich-Todes

Der Prozess der spirituellen Entwicklung führt von einer relativ beschränkten Art des Seins zu einem neuen, erweiterten Zustand hin. Wenn sich dieser Wechsel vollziehen soll, muss oft ein alter Existenzmodus ‚sterben‘. Das nennt man den Ich-Tod. Das ist nicht der Tod desjenigen Ich, das man braucht, um mit der Alltagsrealität umzugehen; es ist der Tod alter Persönlichkeitsstrukturen und Seinsweisen.

Der Ich-Tod kann sich allmählich über einen längeren Zeitraum hinziehen oder ganz plötzlich und mit großer Kraft eintreten. Obwohl er eines der förderlichsten und heilendsten Ereignisse bei der spirituellen Evolution ist, kann er wie eine Katastrophe erscheinen. In diesem Stadium kann sich der Prozess des Sterbens manchmal sehr real anfühlen, so als wäre er nicht mehr symbolische Erfahrung, sondern vielmehr ein echtes biologisches Unheil.

Wenn Menschen in dem Prozess des Ich-Todes stecken, fühlen sie sich oft überwältigt und ausgelaugt, so als ob alles, was sie waren oder sind, ohne Hoffnung auf Erneuerung zusammenbrechen würde. Da ihre Identität auseinanderzufallen scheint, sind sie sich ihres Platzes in der Welt oder ihres Wertes als Eltern, Angestellte oder effektive menschliche Wesen nicht mehr sicher. Äußerlich werden alte Interessen bedeutungslos, ethische Systeme und Freunde werden ersetzt, und die Betroffenen verlieren das Vertrauen, dass sie zuverlässig mit dem Alltagsleben umgehen können. Innerlich erleben sie vielleicht einen allmählichen Verlust der Identität. Sie spüren, dass ihr physisches, emotionales und spirituelles Selbst unerwartet und gewaltsam zerschlagen werden. Vielleicht haben sie das Gefühl, dass sie wirklich sterben, da sie sich plötzlich ihren tiefsten Ängsten stellen müssen.


3. Dem Göttlichen begegnen


Bisher haben wir nur auf die mühsamen oder negativen inneren Räume geschaut, durch die man in der ‚dunklen Nacht’ kommen kann. Aber Menschen in spirituellen Krisen begegnen häufig auch lichten, ekstatischen oder göttlichen  Bereichen in ihrem Inneren. Wie zu erwarten, machen diese Zustände im allgemeinen weniger Probleme als die anderen. Manche Leute fühlen sich von diesen Erfahrungen einfach gesegnet. Sie können still daraus lernen und ihre Lektionen bewußt im täglichen Leben anwenden. Aber diese „positiven“ mystischen Zustände sind nicht notwendigerweise ohne Probleme. Es gibt auch Menschen, die mit ihnen zu kämpfen haben, und sie können sogar zu einem Teil der transformativen Krise werden.

Sowohl die dunklen wie die lichten Reiche sind verbreitete und wichtige Aspekte der spirituellen Entwicklung, und wenn wir die Begriffe positiv und negativ benutzen, dann wollen wir damit nicht unterstellen, eines sei von mehr oder weniger Wert als das andere. Beides sind notwenige und einander ergänzende Bestandteile des Heilungsprozesses.

Manche Menschen haben mystische Erfahrungen bei der Meditation und andere als Teil des dramatischen, überwältigenden transformativen Prozesses der spirituellen Krise. Diese Zustände sind plötzlich, all-verzehrend und radikal. Sie ändern die Wahrnehmung eines Menschen von sich selbst und der Welt vollständig. 

Wie auch immer die göttlichen Reiche in das Leben eines Menschen gelangen, sie haben bestimmte gemeinsame Merkmale.


Die Natur der transzendentalen oder mystischen Erfahrung

Die Emotionen oder Sinneswahrnehmungen, die mit den himmlischen inneren Reichen einhergehen, sind gewöhnlich das Gegenteil dessen, worauf man in den dunklen Gebieten treffen kann. Statt schmerzhafter Entfremdung kann man ein allumfassendes Gefühl von Einssein und Verbundenheit mit der gesamten Schöpfung entdecken. Statt von Angst ist man von Ekstase, Frieden und einem tiefen Gefühl der Unterstützung durch den kosmischen Prozess durchdrungen. Man trifft nicht auf „Wahnsinn“ und Verwirrung, sondern auf geistige Klarheit und Ruhe. Und statt sich andauernd mit dem Tod zu beschäftigen, kann man Verbindung zu einem Zustand aufnehmen, der sich ewiglich anfühlt, und verstehen, dass man der Körper ist und auch alles andere, was existiert. Es liegt zum Teil an ihrer unbeschreibbaren und grenzenlosen Natur, dass die göttlichen Reiche schwieriger zu schildern sind als die dunklen Gebiete, obwohl Dichter und Mystiker aller Zeiten wunderschöne Metaphern geschaffen haben, um sich ihnen anzunähern. In manchen spirituellen Zuständen sieht man die gewöhnliche Umgebung  als eine herrliche Schöpfung göttlicher Energie, voller Mysterien. Alles in ihr scheint Teil eines aufs Feinste miteinander verknüpften Netzes zu sein.


Probleme durch mystische oder transzendentale Erfahrungen

Trotz der im allgemeinen wohltuenden Eigenschaften der positiven Zustände können zwei Arten von Schwierigkeiten auftauchen, wenn Menschen mystische Erfahrungen haben: innere Konflikte, die transzendentalen Reiche anzunehmen und mit ihnen umzugehen, und Probleme mit der Schnittstelle zwischen Erfahrung und Umgebung.

Manche Leute trauen der Wirklichkeit ihrer neugefundenen Möglichkeiten nicht oder haben Angst, dass die Zustände, die sie erfahren, Anzeichen für Geisteskrankheit sind. 

Sie meinen vielleicht, sie würden zu weit vom Normalen abdriften. Vielleicht fürchten sie sogar, dass sie sich nach der Berührung des Göttlichen so sehr verändert haben werden, dass die Menschen um sie herum sofort sehen, dass sie „anders“ sind, und sie entweder für etwas Besonderes oder für verrückt halten.

Wieder andere kämpfen deswegen mit den transzendenten Reichen, weil sie sich, unabhängig davon wie schön und heiter diese sind, einer solchen Erfahrung nicht würdig fühlen. Wir haben schon mehrere Menschen kennengelernt, die ein Leben lang Probleme mit ihrem Selbstbild hatten und meinen, sie seien es nicht wert, eine Erfahrung zu machen, die sehr angenehm oder glücksverkündend ist. Oft ist ihr Widerstand um so größer, je wohltätiger dieser spirituelle Zustand ausfällt.

Manch einer wird nach dem Besuch der transzendenten Reiche depressiv, da der Alltag im Vergleich zu dem Strahlen und der Befreiung, die sie dort geschmeckt haben, öde und uninteressant aussieht.

Manche Leute sehnen sich in dieser Situation tatsächlich danach, in einem erweiterten, angenehmen Zustand zu bleiben und ihre täglichen Verpflichtungen außen vor zu lassen. Oder sie möchten die Erfahrung so dringend wiederholen, dass sie sich der Möglichkeit verschließen, dass andere Stadien auf ihrer spirituellen Reise zwar vielleicht weniger schön oder außergewöhnlich, aber ebenso wichtig sind. Das führt dazu, dass sie sich selbst daran hindern, mit ihrer weiteren Entwicklung in Einklang zu gehen, indem sie

Widerstand leisten und alles für geringer erachten als einen positiven mystischen Zustand.



4. Die Vielfalt von spirituellen Krisen


Der gemeinsame Nenner aller transformativen Krisen ist die Manifestation verschiedner Aspekte der Psyche, die bis dahin unbewusst waren. Aber jede spirituelle Krise stellt eine einzigartige Auswahl und Kombination von unbewussten Elementen dar, von denen einige biographisch, andere perinatal und wieder andere transpersonal sind.


Das Erwachen der Kundalini

Aktivierte Kundalini verwandelt sich in ihre feurige Form oder Shakti, steigt eine Linie entlang der Wirbelsäule hinauf und fließt durch die Leitungen des feinstofflichen Körpers, eines nicht-materiellen Energiefeldes, von dem die Yogis sagen, es umgebe den physischen Körper und ströme in ihn ein. Sie räumt die Auswirkungen von alten Traumata weg und öffnet die sieben spirituellen Zentren, die sogenannten Chakras, die im feinstofflichen Körper entlang einer der Wirbelsäule entsprechenden Achse liegen.

Die sich durch den Körper bewegende Shakti-Energie bringt ein breites Spektrum von bisher unbewussten Elementen ins Bewusstsein: Erinnerungen an psychische und körperliche Traumata, perinatale Sequenzen und diverse archetypische Bilder. Wenn das geschieht, erfahren Menschen in dieser Art von spiritueller Krise vielfältige emotionale und körperliche Manifestationen, die Kriyas genannt werden. Das sind intensive Empfindungen von Energie und Hitze, die die Wirbelsäule hinauf strömen. Die Körper dieser Menschen werden oft von heftigem Schütteln, Krämpfen und windenden Bewegungen überwältigt. Ihre Psyche kann unerwartet von Emotionen wie Angst, Wut, Trauer oder Freude und ekstatischem Entzücken überflutet werden. Auch die überwältigende Angst vor Tod, Kontrollverlust und drohendem Irrsinn treten bei extremen Formen von Kundalini-Erwachen häufig auf.

Eine sorgfältige Untersuchung der Manifestationen des Kundalini-Erwachens bestätigt, dass dieser Prozeß, wenn auch manchmal sehr intensiv und erschütternd, im wesentlichen heilsam ist. In Verbindung mit Erfahrungen dieser Art haben wir über die Jahre wiederholt die dramatische Linderung oder völlige Klärung eines breiten Spektrums von emotionalen und körperlichen Problemen einschließlich Depressionen, verschiedener Formen von Phobien, Migräne und Asthma beobachtet. Im Verlauf des Kundalini-Erwachens können jedoch auch verschiedene alte Symptome vorübergehend verstärkt und bisher schlafende manifest werden. Gelegentlich können sie diversen psychiatrischen  und medizinischen Problemen gleichen, und manchmal werden sie auch falsch als solche diagnostiziert.


Weitere Arten von spirituellen Krisen sind:

- Episoden von Einheitsbewusstsein ( Gipfelerfahrungen )

- Nah-Tod Erfahrungen

- Das Auftauchen von „Erinnerungen an frühere Leben“

- Die schamanische Krise

- Das Erwachen von außersinnlicher Wahrnehmung

- Kommunikation mit geistigen Führern, Channeling oder Begegnungen mit UFOs

- Zustände von Besessenheit


5. Sucht als spirituelle Krise


Es ist gut möglich, dass bei vielen Menschen hinter dem Verlangen nach Drogen oder Alkohol die Sehnsucht nach Transzendenz oder Ganzheit steht. Wenn das so ist, dann könnte es sich bei der Abhängigkeit von Drogen, Alkohol oder ungezählten anderen Dingen in vielen Fällen um Formen von spirituellen Krisen handeln.

Sucht unterscheidet sich insofern von anderen Formen von transformativen Krisen, als die spirituelle Dimension oft durch die scheinbar destruktive und selbstzerstörerische Natur der Krankheit verdeckt wird. Bei anderen Arten von spirituellen Krisen treffen Menschen wegen spiritueller oder mystischer Geisteszustände auf Probleme. Bei Sucht können dagegen viele Schwierigkeiten deswegen auftreten, weil die Suche nach den tieferen Dimensionen im Inneren nicht angetreten wird.

Alkoholiker und andere Süchtige beschreiben ihren Abstieg in die Tiefen der Sucht als „spirituellen Bankrott“ oder „Seelenkrankheit“ und die Heilung ihrer verarmten Seele als „Wiedergeburt“. Da viele spirituelle Krisen denselben Verlauf haben, bieten die erfolgreichen Behandlungsprogramme gegen Alkohol - und Drogenmissbrauch wertvolle Lektionen über den Beistand bei spirituellen Krisen.

Nach den buddhistischen Lehren ist die Wurzel allen Leidens die Anhaftung. Wenn man das bedenkt, kann man leicht sehen, dass chemische Abhängigkeit eine extreme Form der Anhaftung ist, eine Art forciertes Leiden. Wenn man körperlich und psychisch von einer Substanz abhängig wird, ist man an sie und an das mit ihrem Gebrauch einhergehende zerstörerische und selbstzerstörerische Verhalten gefesselt. Der Ausbruch aus der daraus folgenden Misere ist ein riesiges und totales Loslassen einer manipulativen, ruinösen Art von Existenz. Wie bei anderen Formen von spirituellen Krisen bewegt man sich danach ganz natürlich auf eine neue Freiheit zu. Das impliziert nicht, dass man dann automatisch frei von Problemen wäre. Statt jedoch verzweifelt zu versuchen, das eigene Leben zu kontrollieren und auszubeuten, entwickelt man eine Haltung der Zusammenarbeit mit seiner Dynamik.

Bei vielen Leuten beginnt ihre Bewegung in Richtung auf ein Leben in Nüchternheit durch ein tiefes, spontanes spirituelles Erwachen.


6. Spirituelle Lehren aus anderen Zeiten und Kulturen


Wenn wir andere Kulturen und geschichtliche Epochen betrachten, finden wir überzeugende Beweise, die dem Konzept der spirituellen Krise zugrundeliegenden Annahmen erhärten. Die meisten Kulturen weisen über die Jahrtausende eine große Wertschätzung von außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen auf. Sie verfügten oft über erstaunliche Kenntnisse der Kartographie der inneren Reise und entwickelten eine Vielfalt von Methoden, spirituelle Erfahrungen herbeizuführen, da sie das positive Potential dieser Zustände hoch einschätzten. Es deutet sogar einiges darauf hin, dass die Ansicht herrschte, man könne sich vor echtem Wahnsinn schützen und ihn verhindern, wenn man sich freiwillig diesen extremen Geisteszuständen aussetzte.

Das lässt sich an dem griechischen Mythos des Dionysos illustrieren, der die Bürger von Theben einlud, mit ihm den Taumel der Bacchanalien, einen orgiastischen Ritus mit wilden Tänzen und dem Freisetzen verschiedener Emotionen und instinkthafter Triebe, zu feiern. Er versprach ihnen, dass dieses Ereignis sie an Orte bringen würde, die sie nicht einmal im Traum für möglich hielten. Als sie ablehnten, zwang er sie zu dem Größeren Tanz des Dionysos, einem Anfall gefährlichen Wahnsinns, in dem sie ihren Prinzen für ein gefährliches Tier hielten und ihn töteten. Wie dieser populäre Mythos andeutet, waren sich die alten Griechen der Tatsache bewusst, dass die gefährlichen Kräfte, die wir in unserer Psyche bergen, eine Gelegenheit erhalten müssen, im richtigen Rahmen zum Ausdruck zu kommen.

Die kraftvollen psychischen Ereignisse, denen die Initianden bei den Mysterien von Tod und Wiedergeburt begegneten, hatten zweifellos ein bemerkenswertes Potential für Heilung und Transformation. Hier können wir uns auf das Zeugnis zweier großer Köpfe der griechischen Philosophie berufen, Platon und Aristoteles. In seinem Dialog mit dem Titel „Phaedrus“ unterscheidet Platon zwischen zwei Arten von Wahnsinn. Die eine entspringt menschlicher Krankheit, die andere göttlicher Intervention oder, wie wir es in der Sprache der modernen Psychologie sagen würden, archetypischen Einflüssen, die aus dem kollektiven Unbewussten stammen.

Platons großer Schüler Aristoteles hat als erster ausdrücklich gesagt, das volle Erfahren und Freisetzen von unterdrückten Emotionen, was er Katharsis ( wörtlich: „Reinigung“ ) nannte, stelle eine wirksame Behandlungsmethode für geistige Störungen dar. Er verlieh außerdem seiner Meinung Ausdruck, die griechischen Mysterien böten einen starken Rahmen für diesen Prozess. Nach Aristoteles erlebten die Initianden durch Wein, Aphrodisiaka und Musik eine außergewöhnliche Erregung der Leidenschaften, auf die eine heilende Katharsis folgte. In Übereinstimmung mit der Grundannahme der Mitglieder des Orpheus-Kultes, einer der wichtigsten Mysterienschulen seiner Zeit, war Aristoteles davon überzeugt, dass das Chaos und die Raserei der Mysterien einer späteren Ordnung zuträglich seien.

Dieses Verständnis von der Beziehung zwischen intensiven emotionalen Zuständen und Heilung kommt dem Konzept der spirituellen Krise und entsprechender Behandlungsstrategien sehr nahe. Dramatische Symptome sind nicht notwendigerweise ein Hinweis auf Pathologisches.

Dramatische mythologische Sequenzen, die Tod und Wiedergeburt und andere Themen aufzeichnen, sind sowohl bei den Selbsterfahrungstherapien wie bei Episoden von spirituellen Krisen sehr häufig. Dieses mythologische Material taucht in außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen spontan ohne jedes Programmieren und häufig zur Überraschung aller Beteiligten aus der Tiefe der Psyche auf. Archetypische Bilder und ganze Szenen aus der Mythologie verschiedener Kulturen findet man oft auch bei Menschen, die kein intellektuelles Wissen über die mythischen Gestalten und Themen haben, denen sie begegnen. Dionysos, Osiris und Wotan sowie Jesus Christus scheinen in der Psyche der modernen Menschen des Westens zu wohnen und in außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen lebendig zu werden.


Das spirituelle Erbe der großen Religionen

Hinduismus

Die verschiedenen Yoga-Schulen bieten hochentwickelte Praktiken an, durch die der einzelne die Verbindung mit seiner göttlichen Essenz oder Atman-Brahman zu erreichen sucht. Die mystische Literatur Indiens ist eine wahre Goldgrube an Informationen, die auf vielen Jahrhunderten profunder transpersonaler Erfahrungen zahlloser vorzüglicher spiritueller Meister aufbauen. Die Essenz der Yoga-Lehren ist in den Yoga-Sutras von Patanjali, dem legendären indischen Philosophen und Sprachgelehrten, zusammengefasst. Eine Landkarte für innere Erfahrungen, die für Leute in einer spirituellen Krise von besonderem Interesse ist, ist die indische Vorstellung der sieben Zentren psychischer Energie, den Chakras, und der kosmischen Energie, die als Kundalini bezeichnet wird. Wir haben  bereits darauf hingewiesen, dass eine der häufigsten Formen von psychospirituellen Krisen eine deutliche Ähnlichkeit zu den Beschreibungen des Kundalini-Erwachens aufweist. Für Menschen in dieser Form der transformativen Krise können die Lehren über die Chakras unschätzbares Verständnis und Führung bedeuten.


Buddhismus

Wie viele andere große religiöse Systeme nahm auch der Buddhismus mit einer dramatischen ‚spirituellen Krise‘ seines Gründers, Gautama Buddha, seinen Anfang. Nach den Schriften war seine eifrige Suche nach Erleuchtung voll visionärer Abenteuer. Während seiner Meditation erlebte er das Erscheinen von Kama Mara, dem Meister der Welt der Illusion, der ihn vom spirituellen Pfad ablenken wollte. Kama Mara führte den Buddha mit seinen drei üppigen und verführerischen Töchtern in Versuchung: Unzufriedenheit, Entzücken und Durst. Als er damit keinen Erfolg hatte, schickte er eine Armee von Dämonen, die ihn mit diversen unheilvollen Waffen, sintflutartigen Regenfällen, Stürmen, flammenden Felsen, kochendem Schlamm und heißer Asche umzubringen drohten. Als er in derselben Nacht unter dem Bodhi-Baum saß, gewann der Buddha tiefe Einsichten in seine früheren Inkarnationen und erlangte das ‚göttliche Auge‘, das Geschenk des inneren Sehens.


jüdisch-christlich

Direkte visionäre Erfahrungen haben auch bei den jüdisch-christlichen Religionen eine große Rolle gespielt. In der berühmten Episode aus dem 2. Buch Moses erscheint Jahwe dem verblüfften Moses in einem brennenden Dornbusch. Er stellt sich selbst als Gott von Moses Vätern vor und enthüllt seine Absicht, die Menschen Israels aus Ägypten nach Kanaan zu führen, auf dass sie sich dort niederlassen. Im alten Testament gibt es buchstäblich hunderte von Episoden, in denen Visionen von Gott oder seiner Stimme beschrieben werden. Während Christus Aufenthalt in der Wüste erschien ihm der Teufel und unterwarf ihn schmerzhaften Versuchungen, bot ihm weltliche Macht an und versuchte, ihm Zweifel an seinem göttlichen Ursprung einzugeben.

Ein klassisches Beispiel für spirituelle Krisen bildet in der Geschichte des Christentums das Leben des Heiligen Antonius, der während seiner Einsamkeit in der Wüste viele visionäre Versuchungen und Kämpfe mit dem Teufel erlitt. In diesen Visionen erschien ihm der Teufel in der Gestalt eines unschuldigen Knaben, als ergebener Mönch, der ihm während seiner Fastenzeiten Brot brachte, als sinnliche Frau und in der Form verschiedener angsterregender Ungeheuer und wilder Tiere. Antonius kehrte von diesen psychischen Anstrengungen als gesunder, vernünftiger und anerkannter Kirchenvater zurück.

Visionäre Erfahrungen sowohl ekstatischer wie quälender Natur finden sich im Leben der Hildegard von Bingen, der Teresa von Avila, des Johannes vom Kreuz und vieler anderer christlicher Heiliger. 


Islam

Die verschiedenen Sufi-Orden, die mystischen Zweige des Islam, haben über die Jahrhunderte profunde Kenntnisse des Bewusstseins und der menschlichen Psyche einschließlich der Hindernisse und Schwierigkeiten auf dem spirituellen Pfad angesammelt. Dieses Wissen wurde dadurch möglich, dass die Sufis Wert auf die persönliche Begegnung mit dem Göttlichen und die Vereinigung mit Gott legen, was sie mit den Mystikern aller Zeiten und Länder verbindet. Zu den einfachen Methoden, die die Sufis entwickelt haben, um diesen Zustand zu erreichen, gehören wirbelnde oder rhythmische Bewegungen des Körpers, Singen und Atemtechniken.


Zusammenfassung

In der Geschichte der verschiedenen Religionen und ihren heiligen Schriften gibt es viele Beispiele, die illustrieren, welch kritische Rolle visionäre Erfahrungen im spirituellen Leben der Menschheit spielen und die Tatsache demonstrieren, dass an der Wiege aller großen religiösen Systeme die mystischen Enthüllungen ihrer Gründer, Propheten, Heiligen und wichtigen Jünger standen. Sie zeigen zudem, dass die mystischen Zweige der Religionen und ihre klösterlichen Orden solche Erfahrungen in Ehren gehalten, kraftvolle Methoden zu ihrer Herbeiführung entwickelt und der Nachwelt genaue Kartographien der inneren Reise hinterlassen haben.

Ein tiefes Bewusstsein der Tatsache, dass solche profunden transpersonalen Zustände möglich, dass sie uns allen zugänglich sind und die authentischen Dimensionen der Existenz enthüllen, ist vermutlich die treibende Kraft hinter allen religiösen Systemen. Die aus der Vergangenheit ererbten Beschreibungen der Stadien des spirituellen Weges und seiner Wechselfälle sind heute noch genauso relevant wie vor Jahrhunderten. Sie sind wertvolle Informationsquellen für ein besseres Verständnis der modernen spirituellen Krisen.

Vom praktischen Gesichtspunkt aus zeigen die historischen und anthropologischen Daten deutlich die Notwendigkeit, Menschen in spirituellen Krisen einen nicht-pathologischen Kontext für ihre Erfahrungen und allgemeine Karten der von ihnen durchquerten inneren Welten zu geben. An diesen Elementen fehlt es meist aufs Schmerzhafteste, wenn Menschen des Westens mit transformativen Krisen konfrontiert werden. Sie müssen sich völlig unvorbereitet den diffizilen Reichen der Psyche stellen. Dazu kommen dann noch die Komplikationen, die durch die stigmatisierenden Etikettierungen der Psychiatrie entstehen.

Die Beobachtungen aus anderen Zeiten und Kulturen weisen sogar genau auf die Notwendigkeit hin, soziale Systeme zur Unterstützung zu schaffen - therapeutische Teams, Behandlungszentren und Rückzugsmöglichkeiten, informierte Familien und Freundeskreise, Gemeinschaften und Gruppen, die auf einer Philosophie aufbauen, die von einem echten Verständnis außergewöhnlicher Bewusstseinszustände getragen wird. 

Die westliche Kultur beginnt jetzt, eine höhere Ebene von Informiertheit in bezug auf diese Zustände zu erreichen. Vielleicht werden Menschen in psycho-spirituellen Krisen schon in naher Zukunft Verständnis, Mitgefühl und intelligente Unterstützung erhalten. ( der Text wurde erstmals 1990 veröffentlicht ! )


zusammengestellt von: 

Stephan Schwartz 

www.krisenfreun.de






Rundbrief

 

Möchtest du erfahren was es Neues von uns zu berichten gibt?

Dann schreib uns eine kurze Mail mit dem Betreff: Rundbrief 

 

post@krisenfreun.de